Go East! Heimat anders denken

Westfälische AutorInnen unterwegs

SO 05.07. - SO 18.10.2020

Ausstellung

Ausstellungsinstallation: Jeremias H. Vondrlik

 

Neue Welten, neue Horizonte. Was erzählen Sie uns? Und wer erzählt da überhaupt? Das Literaturmuseum Haus Nottbeck lud für sein neues Projekt „Go East!“ vier Autoren und eine Autorin ein, über ihre Reiseerfahrungen zu berichten und ihre Reisetexte vorzustellen. Das Gemeinsame daran: Sabrina Janesch, Martin Becker, Marc Degens, Marius Hulpe und Ralf Thenior lebten eine Zeitlang in Osteuropa und rückten diese Phase – zumindest temporär – in den Mittelpunkt ihres Schreibens. Auf ganz unterschiedliche Weise: Im Roman, Erzählung, Lyrik, Reportage, Tagebuch, Blog, alles ist dabei. Darüber hinaus sind andere künstlerische Formate präsent: Film, Musik, Fotografie.

 

Alle Beteiligten empfanden die Begegnungen mit fremder Kultur als Herausforderung und – im Nachhinein – als wesentliche Erweiterung ihres Lebenshorizonts. Und: Sie wurden Zeugen einer ursprünglichen Erzählfreude und Erzähllust, die hierzulande kaum noch anzutreffen ist. Woraus sich die Frage ableitet: „Was hat der Osten, was der Westen nicht hat?“ Und weiter gefragt: Wie kann man Ressentiments abbauen und die Kultur des anderen besser verstehen und einordnen? Ein Blickwinkel, der natürlich auch die politischen Gegebenheiten umspannt. Inwieweit prägen gesellschaftliche Rahmenbedingungen das Denken und letztlich auch das Schreiben und die Wahrnehmung von Literatur? Viele Fragen, auf die die Ausstellung und das gleichnamige Festival „Go East!“ eine Antwort suchen.

 

Ralf Thenior war 1996 sechs Wochen lang Stadtschreiber im bulgarischen Plowdiw. „Ich hatte keine Erwartungen, keine Hoffnungen, keine Illusionen, auch keine Bilder, was mich erwartet, ich war einfach neugierig.“ Das Schwarze Meer ließ ihn fortan nicht mehr los. Rückblickend hielt der Autor in einem Prosagedicht fest: „Für einen tau- / melnden Augenblick vermischt sich das / eigene Leben mit vielen anderen und man / ist sich glücklich fremd.“ Und: „Zwanzig Jahre Schwarzes Meer sogar / die Träume sind von seiner Gischt durchtränkt.“

 

Der Autor und Journalist Martin Becker ist seit seiner Kindheit vom tschechischen Virus infiziert. Initialerlebnisse waren die Kinderserie „Pan Tau“ und der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Später kamen weitere tschechische Bücher und Geschichten hinzu: „Ich war noch kein einziges Mal in Prag gewesen, da hatte mir Milan Kundera schon längst seine Melancholie eingeimpft.“ Beckers aktuelles Buch „Warten auf Kafka“ ist die große Liebeserklärung an ein Land der Geschichten und Geschichtenerzähler. Vor allem aber an eine Stadt, in der dieses Flair besonders zu spüren ist: „Der Prager Rausch hatte mich erfasst. Eine unerklärliche Trunkenheit jenseits des Alkohols, die über die Jahrhunderte gut dokumentiert worden ist, die Quelle allen Glücks und allen Übels, die Ursache für schlimmstes Heimweh und irrationale Sehnsüchte zurück, der Prager Rausch, dem man sich nicht entziehen und den man mit nichts vergleichen kann.“

 

Der 1982 in Soest geborene Lyriker und Romanautor Marius Hulpe unterrichtete mehrere Jahre an der Jagiellonen Universität in Krakau. In jener Zeit vollzog sich ein radikaler Wandel in der polnischen Politik hin zum rechtsnationalen Kurs unter Jaros?aw Kaczy?skis PiS-Partei. Dieser – auch mentale – Umbruch bildet den Hintergrund von Hulpes politischem Essay „Der Polen-Komplex“, der dem Werte- und Mentalitätswandel in der polnischen Gesellschaft nachspürt und europäische Werte beschwört, die vor allem auf die jüngere polnische Bevölkerung abgefärbt haben.

 

Für Sabrina Janesch, Tochter einer polnischen Mutter, ist das in ihrer Familie verbreitete Erzählgut ein unerschöpfliches Stoffreservoir. Aus ihm schöpfte sie vor allem in ihrem in Polen spielenden Erfolgsroman „Katzenberge“: „Diese Geschichten hatten zehn, zwanzig Jahre Zeit, irgendwie in mir Fuß zu fassen und sich zu entwickeln, bevor ich sie dann aufgeschrieben habe.“

 

Eine wiederum ganz andere Textform begegnet bei dem Romanautor und Herausgeber Marc Degens, der von 2007 bis 2010 in Armenien lebte. Sein Reportageroman „Eriwan“ (2017) ist kein Reisebericht im herkömmlichen Sinn, sondern eher eine unterhaltsame Daily Soap, in der uns der Autor an seinem Privatleben teilhaben lässt: „Wenn wir nicht von anscheinend unsichtbaren Mücken zerstochen worden wären, unsere Nachbarn nicht gerade einen neuen Swimmingpool gebaut und wir keine Mottenplage in der Küche gehabt hätten, dann wäre unser Glück vollkommen gewesen.“ Später zog es den Autor für vier Jahre nach Toronto.

 

Wer also ab dem 05.07.2020 das Nottbecker Literaturmuseum besucht, kommt gleich mehrfach auf seine Kosten: Einblicke in fremde Lebenswelten, spannende Lektüre und persönliche Begegnungen in Form von Texten und Videointerviews wecken das Fernweh und die Lust auf literarische Exkursionen abseits ausgetretener Pfade. Ausgehend von einer Außeninstallation im Museumspark zeigt die Ausstellung aktuelle Schriftbilder von Ralf Thenior, die auf Wortfunden und -sammlungen seiner Osteuropareisen basieren. Im Gartenhaus ist zudem die Soundinstallation „Taxi Water“ seines langjährigen Musikerkollegen und Reisepartners Ralf Werner zu erleben. Hörbilder aus Wörtern, Klängen und Umweltgeräuschen verbinden sich hier mit den zugehörigen Donauzeichungen Werners zu einem sinnlich-subtilen Reisetagebuch.

 

Ein Projekt der Literaturkommission für Westfalen und des Kulturguts Haus Nottbeck. Gefördert vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und der Stiftung der Sparkasse Münsterland Ost.

 

Ralf Werner & Ralf Thenior: "Taxi Water" Ambient Pic

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